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Corona-Kasse

Eigentlich fängt alles an, als wären es eine normale vorlesungsfreie Zeit. Ich nehme mir nach dem Semester und den Klausuren eine Woche für mich und meine Freunde. Ab dem ersten März werde ich wieder für einige Wochen in einem Supermarkt aushelfen. Sei es an der Kasse oder an den Regalen. Ich mache das schon seit meiner Schulzeit, um Geld für meine Freizeit zu verdienen und mittlerweile um mein Studium mit zu finanzieren. Doch schon an meinen ersten Arbeitstagen merke ich, dass es dieses Mal nicht so ablaufen wird wie sonst.


Mehr Menschen tätigen größere Einkäufe und gewisse Artikel werden einfach leergekauft. Es liegen ungeklärte Fragen im Raum: Wird das so weiter gehen? Wird es schlimmer werden? Was werden die Kunden kaufen? Werden wir genug Ware haben?


Schnell wird klar, dass das anfangs von vielen etwas belächelte Coronavirus eine größere Herausforderung für den Einzelhandel und seine Chefs und Mitarbeiter sein wird. Wenn an einem sonst sehr ruhigen Dienstagmorgen plötzlich fünf Kassen dauerhaft geöffnet sein müssen und Kunden panisch die letzten Angebotsnudeln und zehner Pakete Toilettenpapier kaufen, dann fange auch ich an stutzig zu werden.


Was passiert hier gerade? Ich werde von Kunden beschuldigt Toilettenpapier im Lager zu verstecken, um künstlichen Mangel herzustellen. An der Kasse werden wir kritisiert, weil es zu lange dauert und die Schlangen immer länger werden. Ich werde beschimpft, weil ich einem Kunden erkläre, dass ich nicht mehr als zwei Stücke Butter pro Einkauf verkaufen darf und an die Solidarität gegenüber den Mitbürgern appelliere. Der Supermarkt wird für viele zum Ort der Stressbewältigung, der Kritik und des Egoismus. Als ich der 20. Kundin erkläre, dass ich nicht mehr Nudeln einräumen kann, weil ich keine mehr habe, merke ich, dass ich diesen Job so schnell nicht mehr vergessen werde. Die Leute fotografieren leere Regale und posten es auf Sozialen Medien. So entsteht noch mehr Panik und ein sozial konstruierter Mangel entsteht. Das Klopapier wird wiederkommen. Aber in Ausnahmesituationen muss leider auch mit Ausnahmen gerechnet werden. Ich wurde nie so häufig ein Lügner genannt wie in den letzten vier Wochen. Aber wir verstecken kein Mehl, wir haben einfach keines mehr und müssen auch auf Lieferungen warten. Verstanden hat das in den letzten Wochen nicht jeder.


Aus all dieser Negativität kamen aber auch viele positive Reaktionen und Situationen hervor. Enkel und Kinder, die für ihre Großeltern bei mir an der Kasse standen, Kunden die uns für den Einsatz danken und sogar applaudierten, Verständnis, dass wir alle von dieser Situation betroffen sind.


Das Virus bescherte mir viele außergewöhnliche Situationen im Supermarkt, viele positive und viele negative. Es läuft momentan bei weitem nicht alles nach Plan, aber ich hoffe, dass in all diesem Chaos die Solidarität und das Mitgefühl erkennbar bleibt; mit unseren Großeltern und allen anderen älteren Menschen, mit allen Erkrankten und Schwachen, allen wirtschaftlich Betroffenen, allgemein mit jedem. Jetzt ist noch weniger als sonst Zeit für Neid, Hass und Egoismus. Nur zusammen schaffen wir das.


Bleibt zuhause, seid nett zueinander im Supermarkt und kauft nur so viel, wie ihr momentan braucht.


Von Félix Fath

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