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  • Linda

Der "Apfelbaum"schließt (plus Kolumne)

Das war’s mit Feiern. Der „Centro Apfelbaum“ in Heppenheim schließt und einer mittlerweile 20-jährigen Tradition wird damit ein jähes Ende gesetzt.


Angebahnt hatte sich die Entscheidung, nachdem das Kreisbauamt vor einem guten halben Jahr erhebliche bauliche Mängel an dem Gebäude festgestellt und aus Sicherheitsgründen eine sofortige Schließung der Discothek angeordnet hatte. Dem kam der Betreiber nach - der "Apfelbaum" wurde "wegen Umbaus" geschlossen. Doch die Mängel wurden nicht behoben. Und so bleiben die Türen zur Diskothek nun für immer geschlossen.


„Gekämpft haben wir bis zur letzten Sekunde, um die über 20 Jahre Tradition des "Baumes" aufrechtzuerhalten. Aber nun, nach einer langen Strecke des Kampfes, haben wir kapitulieren müssen. Wir bedanken uns für 20 Jahre Treue“, heißt es in einem Post auf der Facebook-Seite des „Apfelbaums“. Und weiter: „Wir können noch gar nicht so richtig in Worte fassen, was bei uns in letzter Zeit los war“, schreiben die Verantwortlichen, und setzen noch einen nostalgisch-poetischen Akzent: „Das letzte Glas ist geleert. Der letzte heimliche Kuss geküsst. Der letzte Song wurde gespielt. Die letzten Lampen sind aus. 20 Jahre Tradition am Boden zerstört.“

Satte 394 Reaktionen und über 750 Kommentare haben sich seit der Veröffentlichung am Mittwochmorgen darunter gesammelt. Die Kommentatoren bedauern diesen Schritt, tauschen Erinnerungen an besonders wilde, lustige Party-Nächte im „Baum“ aus, reden von einer „Ära, die zu Ende geht“, lachen über Anekdoten: „Weißt noch, jeden Samstag dort gewesen und trotzdem haste immer deinen Ausweis zeigen müssen“, schreibt eine Userin, die direkt ihre Freunde markiert. „Korrekt, kein Hausverbot mehr!“, freut sich ein anderer, eher im Scherz. „Voll traurig, habe meinen Ehemann dort kennengelernt“, seufzt eine andere Facebook-Nutzerin.


Kolumne: Ich feier’s – aber nicht mehr in der Disco


„Es war leider abzusehen, die Generation YouTube hat andere Interessen. Das Discosterben ist unaufhaltsam.“ Der Kommentar unter dem Post des „Apfelbaum“ hat mich nachdenklich gestimmt. Tatsächlich teile ich sein Empfinden: Die neue Generation Z hat anderes zu tun als in Großraumdiscos feiern zu gehen. „Ich feier das!“, kommentieren ihre Vertreter nur zu gerne – ohne allerdings wirklich feiern zu gehen. Stattdessen lautet das Stichwort für die abendliche Planung lieber Netflix und chill. Das sehe ich an meiner 16-jährigen Cousine: Feiern? Interessiert sie nicht. Lieber Serien schauen oder die abendlichen Stunden vor dem Smartphone auf Instagram oder YouTube verbringen. Früher nannte man das Couch Potatoe, heute ist das gesellschaftsfähig und sogar reklamiert.


Ist meine süße, 16-jährige Cousine etwa spießiger als ich, die in den besten Zwanzigern steckt? Ich gebe zu: Mir geht es wie ihr. Schon der Gedanke an das Gedränge auf der Tanzfläche, die wummernde Musik, das Abstimmen untereinander - wer fährt? Wie kommen wir hin? Wo trifft man sich vorher? Aber nicht so lange, ich habe morgen Termine - senkt meine Lust auf Partymachen. Das finde ich so ungeil, dass ich lieber überhaupt nicht feiern gehe. Sehr schade. Stattdessen geht es auf liebevoll und im Voraus geplante Partys, Hauspartys, lässige Treffen, bei denen locker getrunken und geraucht wird, aber niemand im Entferntesten daran denkt, den Vorschlag zu machen, in eine Disco zu gehen. „Was trinken gehen“, heißt es immer, und das in Bars, kleineren Restaurants, kurzum – nirgendwo, wo getanzt wird.


Dabei bin ich doch im allerbesten Alter, um auf der Tanzfläche abzugehen und viele Abende in einer Disco zu verbringen – zumal ich es mir jetzt endlich leisten könnte. Mit 16 hätte ich an jedem Wochenende Party machen können, schon donnerstags, obwohl am nächsten Tag Schule war. Sobald die ersten ihre Führerscheine und Autos hatten, ging es ums Strohhalmziehen: Wer fährt? Wer darf was trinken? Wir brezelten uns auf, sofern man das aus heutiger Sicht so bezeichnen kann. Tops mit Straßsteinen in C&A-Optik, greller Lidschatten und Jeansminiröcke zählen heute nur noch bedingt zum heißen Ausgeh-Outfit. Im Inneren lief dann „Yeah“ von Usher, „Low“ von Flo Rida und T-Pain und man fühlte sich cool und sexy und total erwachsen. Dann hatte man den einen oder anderen Boy schon gesichtet, den man ganz süß fand und mit dem man über die anderen Köpfe hinweg flirtete.


Eines hätte ich heute nicht mehr: Den Stress mit den Eltern, warum ich schon wieder weggehe, die Erklärungen mit wem man unterwegs ist, wie man heimkommt und wann. Aber ich will es auch nicht mehr.

Haben wir verlernt, ausgelassen feiern zu gehen? Großraumdiscos scheinen nicht mehr attraktiv zu sein, stattdessen sind Festivals und Open Airs der heiße Shit. Doch regelmäßig stattfindende Dauerpartysessions scheinen sich mit dem Alltag meiner Generation Y und der Generation Z nicht mehr vereinbaren zu lassen.

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