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  • Sophie

Ich bin eine trans Frau!

Ilka (38) ist eine trans Frau. Sie bietet als eine von drei trans* Frauen mit der Selbsthilfegruppe „Transtreff Mannheim“ eine Anlaufstelle für trans* Menschen in der Region. Außerdem ist sie Beraterin der dgti (Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.) und aktiv im AK Queer der GRÜNEN Mannheim.

Das ist Ilka. Ilka ist eine trans Frau. Bild: Privat

Was bedeutet denn eigentlich trans* Frau?

Das bedeutet, dass mir bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugewiesen wurde, was sich als falsch herausgestellt hat. Ich würde niemals sagen, dass ich als Mann auf die Welt kam.


Es setzten sich immer mehr Puzzleteile zusammen und auf einmal hat das ganze Puzzle zusammengepasst.

Wie und wann hast du erkannt, dass „etwas nicht stimmt“? Gab es einen Auslöser?

Ich persönlich habe schon immer gewusst, dass da irgendwas nicht zusammenpasst. Ich konnte es aber nie wirklich benennen. Ich habe mich in alle Richtungen ausprobiert und dann mit 30 hatte ich mein „inneres coming out“. Einen wirklichen Auslöser für die Erkenntnis gab es nicht. Es war als wäre das Brett vorm Kopf plötzlich verschwunden. Es setzten sich immer mehr Puzzleteile zusammen und auf einmal hat das ganze Puzzle zusammengepasst.


Du hast gesagt, du hast dich in alle Richtungen ausprobiert – auch sexuell?

Ja. Ich hatte Beziehungen zu Frauen und Männern – es hat aber nie zu 100% gepasst. Und jetzt?

Naja, während ich den Angleichungsprozess durchlief und gleichzeitig noch den rechtlichen Weg (Vornamens- und Personenstandsänderung), hatte ich eher anderes im Kopf. Mittlerweile habe ich mich aber selbst gefunden und weiß dass ich bisexuell bin.


Wie verlief dein Outing?

Ich habe mich 2018 zunächst vor meiner Familie und den wichtigsten Menschen in meinem Umfeld geoutet. Das verlief so positiv und hat mir so einen Rückhalt gegeben, dass ich mich binnen 3-4 Wochen vor meinem gesamten sozialen Umfeld (inkl. Arbeitgeber) geoutet habe.


Hast du auch negative Erfahrungen aufgrund deiner Transsexualität gemacht?

Ich persönlich nicht. Ich hatte immer starken Rückhalt durch mein direktes Umfeld und deshalb schon immer ein gesundes Selbstbewusstsein, was wie eine Art Schutzschild wirkt.

Über die Selbsthilfegruppe, die ich moderiere, bekomme ich aber schon durchaus negatives mit. Von Mobbing über offene Anfeindungen, Ausgrenzung, Familiären Problemen bis hin zu Körperverletzung. Art und Umfang der Anfeindungen hängen oft davon ab, aus welchem sozialen Umfeld man kommt.

Umwandlung zur Frau? Nein, es ist die Angleichung.

Wie empfindest du das Bild von trans* Menschen in der Öffentlichkeit?

Es hat sich zwar schon viel getan,leider werden jedoch noch viel zu oft falsche Begriffe benutzt. Zum Beispiel der Klassiker „Umwandlung“: Es handelt sich immer um eine Angleichung. Ganz zu Schweigen von Schimpfwörtern wie „Transe“. In Film und Fernsehen existieren trans* Menschen leider meist nur als binär trans Frauen, deren Rolle dann noch allzu häufig im Rotlichtmilieu angesiedelt wird und zu allem Überfluss noch mit cis Männern besetzt wird. Gerne werden Artikel und Berichte von und über trans* Frauen mit Drag Queens bebildert. So werden falsche Bilder erzeugt und verfestigt.


Es ist allgemein noch sehr viel Aufklärung nötig. Da ist auch das Bildungssystem gefragt. Gerade in den Schulen muss mehr aufgeklärt werden. Ich habe selbst schon bei diversen queeren Veranstaltungen festgestellt, dass das Interesse insbesondere von Kindern und Jugendlichen an der Thematik groß ist. Es gibt bereits Initiativen die sich dafür engagieren dass in Schulen mehr Aufklärungsarbeit geleistet wird. Darunter die dgti, schlau e.V. Baden Württemberg, das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg oder auch lokale Angebote wie PLUS in Mannheim und Heidelberg, die alle auch Beratungs-/ Aufklärungsangebote für Schulen bieten. Diese müssen jedoch von den Schulen in Anspruch genommen werden, da sie nicht fester Bestandteil des Lehrplans sind.

Es ist eine ganz persönliche Entscheidung, welchen Weg man gehen möchte und wie weit man gehen möchte.

Wie ist so ein grober Verlauf einer Angleichung?

Es gibt tatsächlich keine festgelegte Reihenfolge, kein fester Fahrplan für eine Transition. Jede*r durchlebt verschiedene Phasen, in denen man sich immer wieder hinterfragt, wer man ist, wie weit bzw. wohin man gehen möchte und ob überhaupt.

Voraussetzung, damit die Krankenkassen die Kosten der medizinischen Maßnahmen übernimmt ist die Diagnose Transsexualität (F64.0). Die Hormonersatztherapie (HET; Verabreichung gegengeschlechtlicher Hormone), ist eine der möglichen medizinischen Maßnahmen, die beim Transitionsprozess zum Einsatz kommt. Die Hormontherapie kann man sich wie eine Kombination aus Pubertät, Schwangerschaft und Wechseljahren vorstellen.


Ich habe die für mich in Frage kommenden angleichenden Maßnahmen und Operationen bereits hinter mir. Außerdem habe ich eine Vornamens- und Personenstandsänderung nach dem TSG (Transsexuellengesetz) vorgenommen.

Vor, während und nach meiner Transition war ich in psychotherapeutischer Begleitung. Zu Beginn in kurzen Abständen, dann in immer größeren. Bis heute stehe ich in Kontakt zu meinem Psychotherapeuten.


Und, wie lange dauert die Angleichung?

Also, wie schon gesagt, es ist eine ganz persönliche Entscheidung, welchen Weg man gehen möchte und wie weit man gehen möchte. Deshalb kann man das eigentlich pauschal gar nicht sagen. Aufgrund einzuhaltender Fristen und bürokratischer Hürden kann so eine „komplette“ Angleichung aber gut und gerne mehrere Jahren in Anspruch nehmen. Eine Zeit die vielleicht lang erscheint, die man sich jedoch unbedingt auch nehmen sollte um nicht von der Flut der Veränderungen überrollt zu werden.


Du moderierst eine Selbsthilfegruppe zum Thema Transsexualität. Wie kann man sich das vorstellen?

Wir sind eine Gruppe von trans* Menschen (egal ob schon diagnostiziert oder noch auf der Suche nach sich selbst) und auch deren Angehörigen (Eltern, Partner, etc.). Unter uns sind einige die ihren Weg der Transition bereits gegangen sind, viele die sich noch auf dem Weg befinden und manch eine*r befindet sich noch ganz am Anfang.

Zu Beginn machen wir immer ein Rundgespräch, in dem man darüber sprechen kann, was man auf dem Herzen hat.


Gibt es Themen, die immer wieder aufkommen?

Auf jeden Fall. Immer wieder Thema sind einzelne Schritte der Transition, medizinische Eingriffe und wie man diese einleitet, die Suche nach Therapeut*innen, im Thema erfahrene Behandler*innen und Chirurg*innen, die Entfernung von Gesichtsbehaarung oder die Beantragung der Vornamens- und Personenstandsänderung.


Wie oft findet die Selbsthilfegruppe statt? Und wie lange gehen die Sitzungen?

Aktuell leider gar nicht, aufgrund von Corona. Normalerweise treffen wir uns jeden 2. und 4. Freitag im Monat. Die Sitzungen gehen um die 2 bis 2 ½ Stunden.


Und wie kommen die Menschen zu euch?

Auf Eigeninitiative nach Recherche im Internet, auf Anraten verschiedener regionaler Beratungsstellen wie PLUS und teilweise werden wir auch von Therapeut*innen weiterempfohlen. Darüber hinaus sind wir bei verschiedenen queeren Veranstaltungen mit Infoständen und Flyern vertreten, wir nehmen am CSD teil und versuchen auch bei politischen Aktionen immer wieder auf uns aufmerksam zu machen und so die Sichtbarkeit von trans* zu erhöhen.


Wie ist die Tendenz der Teilnehmerzahlen?

Die Tendenz in den vergangenen Monaten ist klar steigend. Wir sind derzeit um die 30 Teilnehmer*innen. Es ist aber natürlich so, dass bei den Treffen nicht immer alle da sind. Erfreulich ist, dass immer mehr junge Menschen nachkommen.


Kannst du dir erklären, weshalb immer mehr junge Menschen dazu kommen?

Ein Grund dafür ist, dass man heute auf der Suche nach sich selbst viel leichter an Informationen kommt und schneller Klarheit darüber erhalten kann, wohin die Reise geht oder gehen könnte.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ilka für dieses sehr interessantes und aufklärendes Interview und wünschen ihr alles Gute für die Zukunft.

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