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Ohne Promille zurück ins Leben

Kathrin hatte zwei Optionen: entweder Rettungs- oder Leichenwagen. Sie wollte sterben, doch die Ärzte retteten ihr Leben. Seit fünf Jahren ist sie trockene Alkoholikern. Noch heute ist jeder Tag ein Kampf.


Kathrin (Name geändert) war jahrelang alkoholabhängig. Seit dem 24. Februar 2015 ist sie „clean“. Und darauf ist sie stolz. Trotzdem holen sie die Geister ihrer Vergangenheit immer wieder ein: Sie ist eifersüchtig. Eifersüchtig auf jeden, der Alkohol trinken darf. Und sie träumt – von Alkohol und dessen Konsum. „Ich bin ein kaputter Mensch“, sagt die 43-Jährige, die im Kreis Bergstraße lebt.


Der Alkohol hat in ihrem Leben schon immer eine große Rolle gespielt, „damit habe ich meine Gefühle betäubt“, gesteht sich Kathrin ein. Mit der legalen Droge kam sie das erste Mal im Alter von zwölf Jahren in Kontakt. Hier spielte sie Handball im Verein. Und da war es „ganz normal“, dass nach dem Training eine Flasche Sekt getrunken wurde. „Ich wollte dazugehören.“


Die sonst redefreudige Frau macht eine kurze Pause. Verschränkt die Hände ineinander. Nur bei Sekt blieb es nicht: „Ich dachte immer, dass ich mit Schnaps abnehmen kann.“ Denn sie fand sich und ihren Körper noch nie schön – auch heute nicht. Dann lernte sie ihren Freund kennen und zog mit ihm berufsbedingt um.


Mittags der erste Piccolo


Dass sie mit 29 Jahren ihr ganzes Leben und ihre Freunde aufgeben musste, machten ihr zu schaffen. Zwischen Umzug und neuem Job lagen zwei Wochen. „In der Zeit trank ich mittags meinen Piccolo. Dann ging’s mir besser“, erzählt Kathrin. Sie und ihr Freund konsumierten immer mehr; bis er damit anfing, sie unter Alkoholeinfluss zu misshandeln. Mit 35 Jahren packte sie ihre Sachen und zog wieder bei ihren Eltern ein. Und dann kam wieder der Alkohol ins Spiel. Und irgendwann war es so viel, dass sie es nicht mehr leugnen konnte. Sie roch nach Alkohol. „Da wurde es zur Sucht“, gesteht sie sich ein.


Woran sie das festmacht? Sie freute sich auf den Feierabend, um endlich etwas trinken zu können. Auch schaute sie immer, dass sie genug Alkohol zu Hause hatte. Wie viel sie trank, weiß sie nicht mehr genau. Es waren mehrere Flaschen am Tag.

"Ich konnte nur mit EC-Karte zahlen, da ich das Kleingeld vor lauter Zittern nicht mehr halten konnte.“

„Damals wog ich gerade noch 46 Kilo, ich wusste nicht, welches Datum wir hatten oder ob es Tag oder Nacht war. Ich konnte nur mit EC-Karte zahlen, da ich das Kleingeld vor lauter Zittern nicht mehr halten konnte.“ Kathrin blickt zu Boden. Nimmt ihre linke Hand und spielt mit ihren Haaren. „Ich konnte nicht mehr ohne Alkohol und wollte einfach nur schlafen.“ Sie verkroch sich in ihrer Wohnung – dort folgte der Totalabsturz.


„Es muss sehr gestunken haben. Überall standen die leeren Flaschen rum.“ So richtig kann sie sich nicht mehr an alles erinnern; nur, dass ihre beste Freundin vorbeikam und Kathrin beinahe leblos auf ihrem Bett vorfand. Das war im Februar 2013. Mit einem Rettungswagen wurde sie in die Klinik gebracht. Die Ärzte hätten ihr höchsten noch drei Tage zu leben gegeben. Es folgten viele Aufenthalte in Entzugskliniken, aber Kathrin wurde immer wieder rückfällig - bis zum Jahr 2015, als sie sich in einer sozialtherapeutischen Einrichtung aufhielt und wahrlich aufblühte. Als sie zur psychischen Festigung noch einmal in Reha war, lernte sie „wieder zu leben. Ich war kein ferngesteuerter Roboter mehr“. Dabei half ihr auch Gabriele Meyer, die bei der Caritas Suchthilfe im Kreis Bergstraße arbeitet.


Das Leben wieder wahrnehmen


Gemeinsam mit ihnen fand Kathrin den richtigen Weg. „Sie helfen mir, das Leben wahrzunehmen und im Hier und Jetzt zu sein.“ Ihre Augen leuchten, sie strahlt. „Wenn ich Frau Meyer nicht gehabt hätte, weiß ich nicht, wo ich heute wäre.“


„Das reale Leben ist anstrengend“, sagt Meyer. „Bei der Caritas geht es um Therapie auf Augenhöhe.“ Gabriele Meyer wird Kathrin auf ihrem immer noch steinigen Weg begleiten. Denn: „Alkohol nimmt eine große Rolle in unserer Gesellschaft ein“, sagt Kathrin. Es gibt es immer wieder neue Konfrontationen und Situationen, in denen sie zur Flasche greifen will. Kathrins Psyche spielt noch immer verrückt: „Es ist noch nicht vorbei“, sagt sie. Jeder Tag ist und bleibt ein Kampf.

Ab wann bin ich suchtkrank?


Es gibt laut Matthias Häring, Leiter der Caritas Suchtberatung in Heppenheim, keine klare Grenze, ab wann ein Mensch suchtkrank ist. Ein medizinisches Klassifizierungssystem (ICD 10) mit sechs Kriterien soll helfen:

  • Gier: Ist ein starkes Verlangen nach dem Suchtmittel vorhanden?

  • Entzugserscheinungen: Bei regelmäßigem Konsum gewöhnt sich der Körper schnell an die legale oder illegale Droge. Es entsteht eine Abhängigkeit, der Körper kann überreagieren (zum Beispiel bei Alkoholabhängigkeit durch Zittern), sobald das Suchtmittel nicht mehr zugeführt wird.

  • Körperliche Folgeerkrankung: Der Mensch nimmt das Suchtmittel weiterhin, obwohl er weiß, dass negative Konsequenzen bereits eingetreten sind, zum Beispiel eine Fettleber oder Leberzirrhose.

  • Toleranzentwicklung: Der Körper passt sich an und benötigt eine höhere Dosis des Suchtmittels, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

  • Vernachlässigung: Das Denken engt sich ein, andere Interessen werden vernachlässigt, soziale Kontakte schwinden.

  • Verminderte Kontrollfähigkeit: Der Mensch nimmt eine höhere Dosis des Suchtmittels ein, als er eigentlich geplant hatte.

Sobald drei Kriterien davon erfüllt sind, gilt die Person als abhängig. Diese Diagnose kann allerdings nur ein Hausarzt oder ein Psychiater stellen.

Über die Caritas:


Die Caritas im Kreis Bergstraße gehört zum Caritasverband Darmstadt, der etwa 1300 Mitarbeiter beschäftigt. Neben der Suchthilfe bietet sie Unterstützung in der allgemeinen Lebens-, Ehe- und Paarberatung sowie bei den Themen Erziehung, Kindertagespflege, Migration, aber auch in der Schuldner-, Schwangerschafts- und Seniorenberatung.


Die Caritas Suchthilfe hat Außenstellen in Wald-Michelbach, Mörlenbach, Lampertheim, Viernheim und Bensheim und bietet dort wöchentliche bis 14-tägige Sprechstunden an. Die Caritas Suchthilfe ist zu erreichen unter Telefon 06252/700590 oder per E-Mail an sucht@caritas-bergstrasse.de

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