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  • Ann-Kathrin

„Theater ist Körper pur“

Wie muss das wohl sein, so kurz bevor sich der Vorhang hebt und das Herz schneller schlägt? Wie aufgeregt ist man, wenn man zu einem Casting geht? Drehen dann die auswendig gelernten Textzeilen Pirouetten? Und wie unterscheidet sich das Theaterleben von einem geregelten Nine-to-five-Job? Das weiß Schauspielerin und Sängerin Patricia Kain. Die 24-jährige Weinheimerin ist staatliche anerkannte Musicaldarstellerin und weiß um die Schwierigkeit, in diesem Berufsfeld Fuß zu fassen: „Für viele bleibt dieser Traumberuf ein Traum. Die Branche ist ein Haifischbecken.“


Vor dem Spiegel im Kinderzimmer die Schritte aus dem Videoclip üben oder in der Theater-AG erste Bühnenluft schnuppern – all das hat Patricia nicht gemacht. „Ich war komischerweise nie in der Theater-AG“, sagt sie und schüttelt mit einem Lächeln den Kopf, als wir uns mit ihr zum Interview treffen. „Aber ich wusste immer: Wenn ich mal groß bin, gehe ich auf die Bühne.“


Der Wunsch zum Traumberuf war also irgendwie schon immer da. Aber welche waren dann deine ersten Schritte, um ihn zu verwirklichen?

Ich habe schon früh damit angefangen, Musik zu machen. Ich habe als Schülerin in der Big Band meiner Schule gesungen, erste Konzerte moderiert und hatte auch eine eigene Band. Auch das Interesse am Kabarett wurde mir durch meine Familie in die Wiege gelegt. Später habe ich dann Gesangsunterricht genommen und nach dem Abitur habe ich meine dreijährige Ausbildung an der Stage & Musical School in Frankfurt am Main begonnen. Seit dem Jahr 2018 hat die Schule allerdings leider ihren Betrieb eingestellt. Sie war eine der ältesten staatlich anerkannten Privatschulen. Zum ersten Mal Schauspielunterricht habe ich aber erst im Rahmen meiner Ausbildung bekommen.


Es gibt nichts Schöneres, als Menschen durch eine Komödie zum Lachen zu bringen, sodass sie für ein paar Stunden ihre Sorgen und den Alltag vergessen können.

Wie muss man sich die Ausbildung vorstellen? Alles beginnt ganz klassisch mit einer Aufnahmeprüfung. Man muss sich das wie ein Casting vorstellen: Es geht darum, vorbereitete Lieder zu singen, sich eine Choreographie zu merken und sein schauspielerisches Talent zu zeigen. Hat man die Aufnahmeprüfung bestanden, ist der Weg frei für die Ausbildung. Ich wurde in den Fächern Tanzen, Singen und Schauspiel unterrichtet. Beim Tanzen stehen dabei die unterschiedlichen Stile wie Ballett, Stepptanz, Jazz, Modern Dance, Hip-Hop und auch höfische Tänze auf dem Stundenplan. Beim Singen geht es um Einzeltraining, Chor, Phonetik und Stimmbildung. Im Schauspielunterricht übt man sich in Sprecherziehung, Einzel- und Ensembletraining und auch im Fach Physiodrama.


Was versteht man darunter?

Theater ist Körper pur. Deshalb wird man auch darin unterrichtet, mit seinem Körper zu agieren. Sich küssen, schlagen oder auch das Spielen einer Gewaltszene gehört dazu. Am Anfang ist das schwierig, weil es Überwindung kostet, sich nah zu kommen, obwohl man sich nicht gut kennt. Es ist auch schwierig, die Szene nah, aber nicht zu nah an sich herankommen zu lassen, damit man sie gut spielen kann. Auch das Fechten gehört zur Ausbildung des Körpergefühls dazu und es gibt viele Bühnenstücke, bei denen man eben eine Kampfszene zeigen muss. Und auch das Weinen wird geübt.


Gibt es dafür denn Tricks? Eine Zwiebel in der Handinnenfläche verreiben? Es gibt verschiedene Methoden (lacht). Mir hilft es, wenn ich an bestimmte Momente oder Erinnerungen denke, die dann dieses Gefühl triggern.

Der Schauspielberuf ist nichts für jemanden, der auf Sicherheit setzt. Wenn man nicht wirklich die Passion hat, auf die Bühne gehen zu wollen, dann sollte man das bleiben lassen.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter? Schon während der Ausbildung habe ich angefangen, mir Engagements zu suchen und Theaterluft zu schnuppern, zum Beispiel am Stadttheater Lahnstein. Ich würde auch jedem raten, so früh wie möglich damit anzufangen. Nach der Ausbildung bewirbt man sich auf Rollen und man erlebt sowohl klassische Castingsituationen als auch Rollenangebote nach dem Schneeballprinzip, also dass man auf einer Bühne gesehen und wegengagiert wird.

Hand aufs Herz: Wie schwierig ist es, Engagements zu bekommen?

Es ist nicht einfach. Die Konkurrenz ist groß. Engagements sind meist zeitlich begrenzt, man muss sich also immer wieder neu bewerben und beweisen – man kann sich auf nichts ausruhen. Keine Rolle ist gleich, sondern gleich schwer zu Anfang. Man fängt immer wieder bei null an. Ich versuche, nicht nur vom Theater abhängig zu sein, und baue mir deshalb mehrere Standbeine auf, damit ich in diesem Berufsfeld möglichst lange arbeiten kann. So spiele ich in einem Comedy-Musical am Rhein-Neckar-Theater in Mannheim, spiele in drei Stücken im Theater Deidesheim, singe in einem Schlager-Duo und ab und zu in Bands und ich gehe auch immer öfter als Moderatorin auf die Bühne. „En-suite-Shows“ sind nicht mein Ding: Acht Shows die Woche – das ist nichts für mich. Ich brauche mehr Abwechslung. Eine reine Musicalkarriere ist – trotz meiner Ausbildung – nicht mein Traum. Aber für meine Traumrolle würde ich eine Ausnahme machen, denn sie kommt in einem Musical vor: Die Donna in „Mamma Mia!“ würde ich für mein Leben gerne spielen. Ich habe das Musical schon sechsmal gesehen.


Unmoralische Angebote an Schauspielerinnen gibt es auch an Theatern. Die „Me-Too“-Debatte war für uns Theaterleute daher keine Überraschung.

Kannst du selbst Theaterabende denn noch genießen oder bist du ein kritischer Zuschauer?

Es ist wichtig, ein Fangirl zu sein und zu bleiben. Und bin ein großer Theaterfan. Ich gucke mir viele Theaterstücke an und kann sie noch immer als Zuschauer genießen und Spaß an ihnen haben. Viele Kollegen können das jedoch leider nicht mehr.

Kannst du verstehen, dass der Schauspielberuf für viele ein Traumberuf ist?

Auf jeden Fall. Es ist ja auch mein Traumberuf. Es gibt nichts Schöneres, als Menschen durch eine Komödie zum Lachen zu bringen, sodass sie für ein paar Stunden ihre Sorgen und den Alltag vergessen können. Ich habe die Vorstellung als Kind gemocht, dass man als Schauspieler einen Fingerabdruck hinterlässt, aber dafür muss man zu den Großen und Bekannten gehören. Für viele bleibt der Traumberuf des Sängers/Schauspielers aber leider ein Traum. Die Branche ist und bleibt ein Haifischbecken.



Patricia Kain in dem Stück „Kollegen, Kollegen!“ im Rhein-Neckar-Theater Mannheim. Bild: Rigo Neumann

Inwiefern?

Zum einen, weil die Konkurrenz einfach riesig ist und es viele große Fische gibt, zum anderen, weil man gucken muss, an welche Leute man gerät. Unmoralische Angebote an Schauspielerinnen gibt es auch an Theatern. Die „Me-Too“-Debatte war für uns Theaterleute daher keine Überraschung, aber es war gut, dass öffentlich darüber gesprochen wurde. Viele Schauspieler haben auch Angst davor, keinen Job mehr zu bekommen, nur weil sie den Mund aufmachen, wenn sie mit etwas nicht einverstanden sind. Ich bin da anders uns sage, wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin.


Was rätst du also denjenigen, die diesen Berufswunsch haben?

Generell sind eine tänzerische und gesangliche Vorausbildung Grundvoraussetzungen. Der Schauspielberuf ist aber nichts für jemanden, der auf Sicherheit setzt. Wenn man nicht wirklich die Passion hat, auf die Bühne gehen zu wollen, dann sollte man das bleiben lassen. Sich darin nur mal ausprobieren – das funktioniert nicht. Man muss schon einen großen Schuss haben, wenn man sich auf eine Bühne stellt – man lässt sich beobachten, das ist nichts Normales (lacht). Man muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass dieser Beruf dein Leben bestimmt: Er ist herausfordernd, er ist zeitintensiv und man muss dazu bereit sein, für Engagements mitunter den Wohnort zu wechseln. Man muss mit Lampenfieber klarkommen, denn das gehört jedes Mal mit dazu – bei Castings und bei Premieren. Wer sich an einer der drei staatlichen Schulen bewerben möchte, kann das in Essen, Berlin und München. Privatschulen sind eine gute Alternative, aber sie sollten staatlich anerkannt sein.


Der Trend geht nun wieder mehr in Richtung Live-Unterhaltung.

Man könnte meinen, dass das Theater bei Netflix und Co. nicht mehr aktuell ist. Ist das so? Wir haben einen Overkill, was das Fernsehen betrifft. Es gibt zu viele Angebote, die – meiner Meinung nach – nicht mehr interessant sind. Die klassische Samstagabendshow gibt es mit dem Aus von „Wetten, dass …?“ nicht mehr. Der Trend geht nun wieder mehr in Richtung Live-Unterhaltung. Aber dann muss es auch gut sein. Qualität setzt sich durch und die hat dann zu Recht auch ihren Preis. Es ist spürbar, dass es wieder mehr Interesse des Publikums an Liveveranstaltungen und eben auch am Theater gibt. Aber auch am Theater an sich gibt es ein Umdenken.

Inwiefern? Möchte sich das Theater modernisieren?

Viele Produktionen gehen immer mehr digitale Wege und arbeiten mit anderen Medien, die sie auf die Bühne bringen, wie beispielsweise selbst gedrehte Filmsequenzen. Aber ich finde, das Theater sollte Theater bleiben. Ich halte wenig von überdrehten Neuinterpretationen. Theater ist nicht umsonst eine der ältesten Kunstformen. Ich glaube aber, dass die Theaterstücke an sich dennoch eine Revolution dringend nötig haben. Wir brauchen neue Stücke. Es gibt viel mehr männliche als weibliche Rollen – in Deutschland gibt es aber 70 Prozent Schauspielerinnen und 30 Prozent Schauspieler. Die Konkurrenz unter den Schauspielerinnen ist daher sehr groß, was sehr schade ist, denn jeder Theaterabend ist im Endeffekt eine Ensembleleistung.

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