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  • Theresa

Verzichten? Klar, aber ...

Die Aktivisten von Fridays for Future verzichten nicht nur zur Fastenzeit. Dennoch sind sie sich einig: Verzicht allein reicht nicht, um unsere Welt zukunftsfähig zu machen. Stefano, Joel und Elias aus der Weinheimer FFF-Gruppe haben uns erzählt, worauf sie verzichten, seit sie bei FFF dabei sind, wann ihnen der Verzicht schwerfällt und was ihr tun könnt, um den inneren Schweinehund zu überwinden.


(B)ENGEL: Kleine Vorstellungsrunde am Anfang: Wer seid ihr, seit wann seid ihr bei FFF aktiv und was macht ihr sonst so?


Stefano: Ich heiße Stefano Bauer, bin 20 Jahre alt. Ich studiere in Heidelberg Politikwissenschaft und Physik. Ich war vier Jahre lang im Jugendgemeinderat und wurde im letzten Jahr für die Grünen/Alternative Liste in den Weinheimer Gemeinderat gewählt. Ich bin bei "Weinheim bleibt bunt" aktiv. Zu Fridays for Future kam ich im letzten Jahr.

Elias: Mein Name ist Elias Furlan Cano. Ich bin 17 Jahre alt, gehe noch zur Schule. Ich bin seit einem Jahr im Jugendgemeinderat, spiele gerne Fußball und engagiere mich politisch. Zu Firdays for Future bin ich vor einem Jahr gekommen, also ziemlich am Anfang.

Joel: Mein Name ist Joel Möller, ich bin 19 Jahre alt, studiere in Heidelberg Politikwissenschaft und Geschichte. Ich bin Mitglied bei der SPD und bei den Jusos. Zu Fridays for Future gekommen bin ich auch letztes Jahr.


Worauf verzichtet ihr, seit ihr bei FFF aktiv seid?

Elias: Ich habe von einem auf den anderen Tag auf Fleisch verzichtet. Vor den Demonstrationen war das für mich nie eine Alternative.

Joel: Ich habe meinen Fleischkonsum mindestens halbiert. Persönlich verzichte ich auf nichts komplett, weil ich nicht glaube, dass das unbedingt zielführend ist – eher, wenn man rationiert und reduziert.

Stefano: Ich verzichte auf Flugreisen und fahre im Vergleich zu vor zwei Jahren viel mehr Rad, laufe oder nutze Bahn und Bus. Bei Lebensmitteln verzichte ich fast komplett auf Fleisch und gucke, dass sie möglichst verpackungsfrei und bio sind.


Erlebt ihr das Verzichten als etwas Negatives?

Elias: Für meinen Alltag hat der Verzicht keine negativen Auswirkungen. Ein Nachteil ist vielleicht der Komfort. Es regnet – fahre ich mit dem Auto oder ziehe ich die Regenhose an?

Joel: Verzichten bedeutet keinen Verlust an Lebensqualität – vor allem, wenn man sich überlegt, worüber wir Lebensqualität eigentlich definieren. Über die materiellen Dinge, die wir anhäufen? Ich finde es besser, ein bewusstes Erleben und den Kontakt zu den Menschen um mich herum als Maßstab zu nehmen.

Stefano: Dem kann ich mich anschließen. Ich fühle mich durch meinen Verzicht nicht eingeschränkt.


Gibt es Sachen, auf die ihr nur schwer verzichten könnt?

Joel: Fleisch. Es schmeckt so lecker.

Stefano: Ich komme gut ohne die Dinge zurecht, auf die ich verzichte. Ich merke, ich brauche sie gar nicht.

Elias: Bei mir ist das ähnlich. Ich habe keinen Verlust an Lebensqualität, weil ich auf manches verzichte. Ich könnte noch auf Milchprodukte verzichten, aber die mag ich viel zu sehr.


Der Begriff „Verzicht“ ist viel diskutiert. Eignet er sich, um Leute von einer klimaverträglicheren Lebensweise zu überzeugen?

Joel: Verzicht wirkt schon abschreckend. Es klingt nicht gut, wenn man etwas nicht mehr machen soll. Vor allem, wenn die Belohnung dafür in der Zukunft liegt.

Elias: Das Wort Verzicht wird oft mit Alternativlosigkeit verbunden. Das ist aber nicht der Fall. Wenn ich auf mein Auto verzichte, dann fahre ich mit der Bahn oder mit dem Fahrrad.


Was sind die großen Punkte, von denen ihr denkt, dass es wichtig wäre, dass da alle ein bisschen zurückschrauben?

Stefano: Fleischproduktion. Fashion. Ich sehe ganz viele Leute, die Kleidung horten und shoppen gehen, obwohl der Schrank eigentlich voll ist. Lieber Secondhand kaufen. Regionale und saisonale Lebensmittel bevorzugen.

Elias: Ein paar Sachen könnte man verbieten. Inlandsflüge zum Beispiel – völlig sinnlos. Vor allem in Deutschland, das ist echt nicht so groß. Was für mich wichtig ist, ist das System zu hinterfragen, in dem wir leben. Diese nach Profit ausgerichtete Gesellschaft muss, meiner Meinung nach, Vergangenheit werden. Ich fühle mich nicht gut, darin zu leben, weil ich sehe, wie an verschiedenen Orten vieles kaputt geht. In diesem System werden nicht alle glücklich. Davon profitiert nur ein ganz kleiner Teil.

Stefano: Ich bin ein Freund von positivem Denken und Formulieren. An gewissen Stellen braucht man schon Verbote. Aber prinzipiell sollte man eher Anreize schaffen. Also zum Beispiel pünktliche Züge und niedrigere Preise im ÖPNV, wenn wir eine gelingende Verkehrswende wollen.


Können kleine Schritte einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen?

Joel: Wenn alle auf ein bisschen was verzichten, glaube ich das schon. So kann man bei der Industrie eine geringere Produktion anstoßen. Die Industrie passt sich dem Markt an.


Du hättest da also Vertrauen in die Marktwirtschaft?

Joel: Es ist zumindest das Prinzip, nach dem es funktionieren sollte.

Elias: Ich finde, es wäre naiv zu denken, wenn jeder Einzelne etwas verändert, ändert sich die ganze Welt. Ich denke, man muss bei den großen Konzernen ansetzen, die immer noch einen draufsetzen – mit langen Lieferwegen, mehr Produktion, einem höheren Profit. Ökologie ist mit dem kapitalistischen System nicht vereinbar. Gleichzeitig wäre es naiv zu denken, dass sich Sachen verändern, ohne selbst etwas zu tun.

Stefano: Es muss langfristig Ziel sein, Ökonomie und Ökologie zu entkoppeln. (Entkopplung beschreibt in diesem Zusammenhang die Idee, dass die Wirtschaft dank neuer Technologien künftig nicht mehr auf mehr Rohstoffe angewiesen sein wird, sondern dass sie wachsen kann, ohne Umweltschäden zu verursachen.) Also Wirtschaftswachstum: Ja, wenn das politisch gewollt ist und gesellschaftlich gebraucht wird – aber nicht auf Kosten der Umwelt.


Ist unendliches Wachstum mit endlichen Ressourcen realistisch?

Stefano: Nein. Man sollte Ökologie und Ökonomie aber so weit entkoppeln wie möglich.


Was würdet ihr Leuten raten, denen der Verzicht schwerfällt?

Elias: Einfach machen. Für eine Woche durchziehen, dann wird es ein Selbstläufer. Beim Fleischverzicht lernt man so zum Beispiel neue Alternativen kennen. Sich nicht auf dem Komfort ausruhen, dass man es nicht schafft.

Stefano: Ich habe am Anfang meinen ökologischen Fußabdruck im Internet berechnen lassen und war überrascht, wo meine große Baustelle ist: im Verkehr. Der Mensch muss wissen, warum er etwas tut. Der Rechner hat mir die nötigen Fakten geliefert.

Joel: Die Diät lebt von Cheat Days – die helfen auch beim Verzichten. Sich ab und zu etwas gönnen und danach weitermachen – und ich meine nicht den Flug nach Thailand, sondern vielleicht ein Steak, wenn man zwei Wochen kein Fleisch gegessen hat.





Ihr wollt mehr hören? Aus dem Gespräch mit den drei Jungs von FFF ist auch ein Podcast entstanden. Ihr findet ihn auf der Seite der Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung.


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[B]ENGEL

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