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  • Linda

Warum ich jetzt Rammstein höre

Jeder kennt sie, doch nicht jeder kann mit ihnen oder ihrer Musik etwas anfangen: Rammstein. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Dennoch waren sie nie Teil meiner Musik-Playlist. Dann habe ich sie live gesehen. Jetzt höre ich ihre Lieder rauf und runter - und bin überzeugt: Diese plötzliche Faszination kommt viel zu spät. Warum sich jeder mit der Rockgruppe befassen sollte.



Derzeit mache ich mir einen Spaß daraus, mir vorzustellen, wie erstaunt so mancher wäre, an dem ich mit Kopfhörern vorbeilaufe. Sicher glaubt er, dass ich gerade der Musik von irgendeinem der gängigen Interpreten höre - Ariana Grande, Ed Sheeran oder so. Würde aber nur etwas von der knallharten Rockmusik aus meinen Ohren nach außen dringen, wäre der eine oder andere sicher verdutzt. Denn statt geschmirgelter Kuschelmusik wippe ich unbemerkt mit dem Kopf zu harten Riffs, der röhrigen Stimme von Till Lindemann und den provokanten Texten von Rammstein.


Doch warum bin ich mit einem Mal so fasziniert von der Band? Alles begann damit, dass ich Rammstein live in Paris gesehen habe. Und zuerst wollte ich gar nicht hin.

Aber ich wollte einem Freund, der seit jeher begeisterter Fan der Gruppe ist, eine Freude zum Geburtstag machen. Denn als ich durch Glück und Zufall auf Facebook sah, dass eine Bekannte ihre beiden Karten für einen guten Preis abgibt, schlug ich zu - zunächst noch in der Annahme, dass mein Kumpel jemanden mitnehmen würde, der ebenfalls Fan ist. Doch dann schlug er mir ganz überwältigt vor, dass ich doch mitkommen sollte.


"Das wird dir bestimmt gefallen!"

Klar zögerte ich zuerst. Ernsthaft? Ich kannte nur die Songs, die ich seit meiner Kindheit mitbekommen hatte, und das auch nur im TV, zur Zeit von VIVA und MTV. Die Szenen aus "Keine Lust" waren mir noch allzu gut im Gedächtnis geblieben: Die abstoßenden, fleischigen Körper der Musiker in Fettanzügen, das schweißüberströmte Gesicht von Till Lindemann, die spastischen Bewegungen des spindeldürren Keyboarders Flake Lorenz. Das Musikvideo hatte mich genauso abgestoßen wie es mich in seinen Bann gezogen hatte. Wollte ich echt den Weg nach Paris auf mich nehmen, nur um eine Gruppe kontroversen Rocker live zu sehen, von denen ich gerade mal ein, zwei Lieder kannte? Sollte an meiner statt nicht lieber ein wahrer Fan dorthin, der wie so viele andere das Pech gehabt hatte, nach dem Kartenrelease innerhalb weniger Sekunden leer auszugehen?

Nach viel Überzeugungsarbeit ließ ich mich tatsächlich darauf ein


Paris. Wir kamen zu spät zum Konzert, nur wenige Minuten. Das Konzert hatte pünktlich begonnen. Um kurz nach 20 Uhr dröhnte aus dem Inneren der Arena La Défense bereits das rhythmischen Stapfen von "Links 2 3 4". Wir traten ein - und der Anblick überwältigte mich.


Um uns herum war die Energie von Zehntausenden Menschen zu spüren, deren Hände das obligatorische "Let's Rock"-Zeichen im Takt der Musik in die Luft stießen. Die Bühnengestaltung war ebenfalls unbegreiflich und ich brauchte einige Minuten, um das, was da vor mir passierte, zu realisieren. Die Musiker sah ich vom Innenraum aus zwar nur aus der Ferne, die Videoübertragung warf aber die Bilder der wild zuckenden Bandmitglieder an die Wand. Zwei Stunden spielten sie, ohne Unterlass, ein Lied nach dem anderen. Rammstein machte seinem Ruf, spektakuläre Bühnenshows zu bieten, alle Ehre. Flammenwerfer kamen zum Einsatz, Flammen schossen neben dem Publikum empor, die Hitze fegte über die Köpfe hinweg.




Till Lindemann performt wie ein Wilder, bangt mit allen Fasern seines Körpers, der Schweiß rinnt an ihm herab. Auch die anderen Bandmitglieder geben alles. Das Ganze hat etwas Eingespieltes, eine innige Verbindung, die auch bis zu den Fans durchdringt, wenngleich Rammstein keine Pause einlegen, zwischen den Titeln kein Wort an das Publikum richten. Irgendwann wünschte ich mir, dass sie nicht derart schnell durch das Programm rennen würden.



Ich bin keine Konzertgängerin. Mit 27 Jahren war ich hochgerechnet auf gerade einmal einem Festival, wenn überhaupt. Jetzt stehe ich inmitten von Hardcore-Fans, die verzückt zu reißenden Gitarrenmelodien und hämmernden Schlagzeugbeats wippen. Und es begeistert mich.

Trotz der Menschenmasse, die ich sonst nicht ausstehen kann. Wer anrempelt, entschuldigt sich sofort, der Umgang ist respektvoll.


Das Image der knallharten Bad Boys haftet Rammstein an. Tabubrüche, Texte über Sex, Inzucht, Kannibalismus, Glaubensskepsis, das alles sorgt für Kontroversen und Debatten innerhalb Deutschlands, und das schon seit es die Band gibt. Und das führt mich, die sich zwar erst seit kurzem, aber doch unheimlich intensiv mit der Philosophie der Band, ihren Mitgliedern, der Botschaft ihrer Texte und Videos auseinandersetzt, zu jenem Exkurs, der zeigen soll: Wir müssen uns mit Rammstein beschäftigen.


Denn unter den Lack- und Leder-Nieten-Sadomaso-Outfits der Musiker schlägt ein pulsierendes Herz, eine Anspruchshaltung an sich selbst, eine geschworene Einheit. Sechs Musiker, die etwas bewirken und mitteilen wollen.


Wirklich international bekannt wurde die Band übrigens, als sie gefragt wurde, welchen Regisseur sie für ihr nächstes Musikvideo von "Rammstein" haben wollten. David Lynch sagten sie, da sie keine Ahnung von bedeutenden Musikvideoregisseuren hatten. Ein Sample der Platte "Herzeleid" schickten sie also kurzerhand nach Amerika, wo Lynch gerade in den Dreharbeiten zu "Lost Highway" steckte. Rammsteins Lieder gefielen ihm nicht nur so gut, dass er sie im Film platzierte - sie halfen den Darstellern auch beim Schauspielern.


Heute ist Rammstein einer der erfolgreichsten deutschen Exporte in Sachen Musik

Seit 25 Jahren provozieren sie. Die Band, bestehend aus Till Lindemann, Richard Kruspe, Christoph Schneider, Paul Landers, Oliver Riedel und Paul Christian "Flake" Lorenz, formierte sich 1994. Ihre Wurzeln hat sie in der ehemaligen DDR, wo Richard Kruspe aufwuchs. Mittlerweile ist die Band international bekannt, und besonders beliebt in Amerika oder Frankreich. Rammsteins Texte sind dort Teil der Fremdsprachenausbildung und werden im Unterricht analysiert. Till Lindemann spielt mit dem Klischee der harten, deutschen Sprache zusätzlich, indem er das "R" übertrieben rollt. Englisch- oder spanischsprachige Lieder singt er mit starkem deutschen Akzent. Das hat Marktwert und ist ein Alleinstellungsmerkmal. Bei den ausländischen Fans kommt es einfach an. Die Band nutzt einfache, klischeehafte deutsche Worte, die auch Sprachunkundigen bekannt sind. So schafft sie eine simple, aber effektive, sehr bildhafte Poesie.


Die Tränen greiser Kinderschar

Ich zieh sie auf ein weißes Haar

Werf in die Luft die nasse Kette

Und wünsch mir, dass ich eine Mutter hätte

Keine Sonne die mir scheint

Keine Brust hat Milch geweint

In meiner Kehle steckt ein Schlauch

Hab keinen Nabel auf dem Bauch


("Mutter)


Du bist schön wie ein Diamant

Schön anzusehen wie ein Diamant

Doch bitte lass mich gehen

Welche Kraft, was für ein Schein

Wunderschön wie ein Diamant

Doch nur ein Stein


("Diamant")


Simpel, aber stark. Rammstein können auch Balladen. Ob man die Musik nun mag oder nicht - spätestens "Ohne Dich" verpasst pure Gänsehaut.




Rammsteins Inkarnation und Vermarktung der deutschen Nationalität wird ihnen rasch als Nationalstolz ausgelegt. Immer wieder muss die Band abstreiten, politisch rechts eingestellt zu sein.


Es scheint, als wollten Rammstein jetzt ein endgültiges Statement setzen, um seine Kritiker stumm zu schalten. Und zwar mit ihrem jüngster Hit, "Deutschland" und dem dazugehörige Video, das im März 2019 veröffentlicht wurde. Das sorgte für einen bundesweiten Aufschrei. Es ist ein Ritt durch die deutsche Geschichte, bei dem die Jungs auch in KZ-Uniform vom Galgen hängen.

Das Produktions-intensive, Spielfilm-reife Video zeigt wichtige Stationen der deutschen Geschichte.


Die dunkelhäutige Frau ist übrigens Germania - die nationale Personifikation Deutschlands. Somit ist das Video nicht nur in seiner Qualität unübertroffen, sondern auch detailverliebt und eine Darstellung dessen, was die deutsche Geschichte prägt.


Deutschland, mein Herz in Flammen

Will dich lieben und verdammen

Deutschland, dein Atem kalt

So jung, und doch so alt (...)

Man kann dich lieben

Und will dich hassen


Gelinde gesagt...Nationalsozialisten würden sich die Fehler der deutschen Geschichte bestimmt nicht eingestehen...


Ich behaupte: Das Video zu "Deutschland" ist idealer Stoff für den Geschichtsunterricht, die dargestellten symbolischen Szenen sollte ausführlich behandelt und erklärt werden.

Inhaltlich besingen Rammstein ihre Zerissenheit beim Thema, nationales Zugehörigkeitsgefühl zu bekunden. Die Deutschen sind nach wie vor zurückhaltend, wenn es um Nationalstolz geht - außer, es steht eine Fußball-WM oder -EM an.


Bei weiterer Interpretation von "Links 2 3 4", das mit Sprichworten zum Thema Herz, spielt könnte man zudem annehmen, dass sich Rammstein bereits 2001 eindeutig positioniert haben.


Sie wollen mein Herz am rechten Fleck Doch sehe ich dann nach unten weg Da schlägt es in der linken Brust Der Neider hat es schlecht gewusst


Eine weitere Provokation: "Ausländer", das Rammstein 2019 veröffentlichten. Die Band kommt mit einem Schlauchboot an einem Strand an, trifft dort auf ein dunkelhäutiges Volk, tanzen mit ihnen, in Kolonial-Kleidung. Machen sich textlich breit, nehmen das eroberte Land ein, setzen sich als Nabel der Welt in Szene, nehmen sich, was sie brauchen. Ein Seitenhieb auf die Kolonialisierungs-Zeit.


Ich reise viel, ich reise gern

Fern und nah und nah und fern

Ich bin zuhause überall

Meine Sprache: International Ich mache es gern jedem recht

Ja, mein Sprachschatz ist nicht schlecht

Ein scharfes Schwert im Wortgefecht

Mit dem anderen Geschlecht


Schlussendlich kann man zu Rammstein stehen, wie man will - sie lieben oder hassen, um es mit ihren Texten zu sagen. Sich mit der aufwendigen Produktion ihrer Musik in jeder Form auseinanderzusetzen, tut nicht weh, öffnet den Geist dafür, sich auch einmal mit dem zu konfrontieren, was unbequem und vielleicht eigentlich gar nicht in die eigene (musikgeschmackliche) Gewohnheit passt. Doch die sinnbildlich überladene, anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Kontroversen kann voranbringen und ist wichtig für die eigene Weiterentwicklung. "Radio" thematisiert die Einschränkungen, die Rammstein während DDR-Zeiten erleben mussten, und transportiert Meinungsfreiheit. Das symbolisiert die Band am Ende des Musikvideos, wenn die Gesetzeshüter auf sie einschlagen und sie doch nicht greifen können, was künstlerische Freiheit mittels Musik transportieren kann.


Ein wichtiges Zeichen in der heutigen Zeit.

Der REGIO-Tipp


Ihr wollt euch an Rammstein ranwagen, kommt aber nicht an Karten oder könnt aus einem anderen Grund nicht zu einem ihrer Konzerte? Die beiden Cover-Bands Völkerball und Stahlzeit gelten als die gemeinhin besten Rammstein-Doubles - erst zum Steinbachwiesen-Open Air in Fürth spielten Stahlzeit als Höhepunkt des viertägigen Festivals.

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