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  • Linda

Welttag der Antibabypille

Noch heute gilt sie als revolutionärer Befreiungsschlag in der Geschichte menschlichen Sexualität und Verhütung: Die Antibabypille, umgangssprachlich nur „Pille“ genannt, führt auch 59 Jahre nach ihrer deutschen Markteinführung die Liste der sichersten Verhütungsmittel an. Zum heutigen Welttag der Antibabypille haben wir den Expertenrat von Dr. Iris Wirth, Gynäkologin bei Pro Familia Heidelberg, eingeholt. Außerdem wollten wir wissen, wie es eigentlich um die „Pille für den Mann“ bestellt ist. Denn nicht zuletzt wird der Ruf der Frauen, die sich eine gleichberechtigte Verhütung wünschen, immer lauter - und auch wir von "Bengel“ haben unsere Meinungen zu diesem Thema.


Wie wirkt die Pille?


Die Pille enthält künstlich hergestellte Geschlechtshormone. Sie ist ein so genanntes Hormonpräparat, das in den weiblichen Hormonzyklus eingreift. Die künstlichen Hormone verhindern die Ovulation - den Eisprung – und bewirken unter anderem, dass sich die Gebärmutterschleimhaut nicht mehr aufbaut und dass der Schleim im Muttermund für Spermien undurchlässiger wird. Dem Körper wird so gewissermaßen eine Schwangerschaft vorgespielt. Der Markt ist überfüllt mit Hormonpräparaten, die sich in ihrer Dosierung und Zusammensetzung unterscheiden. Im Wesentlichen gibt es zwei Arten von Antibabypillen: Die Mikropillen, das sind niedrig dosierte Kombinationspillen mit Östrogen und Gestagen, und die Minipillen, die nur Gestagen enthalten (Quelle: Apotheken Umschau).


Die Pille kann daher einen spürbaren Effekt auf den Hormonhaushalt haben. Darum ist es auch nicht einfach, ein ideales Alter für den Beginn der Pilleneinnahme zu bestimmen. Im Gegenteil: „Man muss immer individuell abwägen“, sagt Dr. Iris Wirth dazu. Schließlich müssen sich die hormonellen Abläufe in der Pubertät erst einmal einpendeln. Laut Focus nehmen deutschlandweit etwa zehn Prozent aller Mädchen ab zwölf Jahren die Pille, zwischen 18 und 20 Jahren sind es 80 Prozent. „Praktisch fast jede 16-Jährige nimmt die Pille“, weiß Wirth von ihren Gesprächen im Raum Heidelberg.


Wirths Ansatz bei den Beratungen basiert auf der Kernfrage „Wieviel Sicherheit brauche ich?“ Aber wollen denn nicht alle Frauen die höchste Sicherheit bei ihrer Verhütung gewährleistet haben? Nicht unbedingt, sagt Wirth, die auch seit einiger Zeit einen gewissen Trend herausliest: Den Wunsch vieler Frauen, von der Pille loszukommen. „Viele von ihnen sind etwa 23 Jahre alt, nehmen schon lange die Pille, und informieren sich über nicht-hormonelle Alternativen. Die meisten befinden sich im Studium, nehmen mehr Verantwortung auf sich und finden es darum auch weniger schlimm, wenn sie schwanger werden würden. Sie fragen verstärkt nach der Kombination aus Diaphragma und Kondom oder nach der Spirale.“ Den Grund für diesen Trend sieht die Frauenärztin auch in gesellschaftlichen Entwicklungen, wonach viele junge Menschen deutlich körperbewusster leben.


Es gibt nur wenige gleich sichere Alternativen


Nun bringt die Pille auch positive Nebeneffekte mit sich - Linderung bei Akne, Linderung von Menstruationsbeschwerden und eine verkürzte Periodendauer gehören dazu. Sie sollte allerdings nicht leichtfertig für schönere Haare oder eine glattere Haut verschrieben werden, sondern zweckgerichtet wie etwa bei Krankheiten wie Endometriose. Dennoch überwiegt die Liste der Nebenwirkungen: Zwischen- und Schmierblutungen, Kopfschmerzen, Migräne, Gewichtszunahme, Schmerzen im Unterleib, Wassereinlagerungen, Spannen in der Brust, Stimmungsschwankungen zählen zu den häufigsten Problemen. Die Pille kann sogar die Libido, also die Lust auf Sex, dämpfen. Besonders riskant: Die Pille erhöht das Thromboserisiko – etwa 20 von 100 000 Frauen sind davon betroffen.


Doch warum wird sie trotz alldem eingenommen? Nun – die Pille bleibt seit ihrer Einführung Spitzenreiterin in Sachen Pearl Index. „Es gibt nur wenig Alternativen mit derselben Sicherheit. Nur die Hormonspirale ist noch sicherer“, sagt Iris Wirth. Und nicht nur das: Die Pille ist vor allem wegen ihrer zuverlässigen Wirkung, wegen ihrer bequemen und unkomplizierten Anwendung das beliebteste Verhütungsmittel. Fühlt sich jemand mit seiner Pille überhaupt nicht wohl, verweist Wirth aber nicht automatisch darauf, zu einer anderen Pille zu wechseln – wichtig ist, herauszufinden, weshalb man mit seiner derzeitigen Verhütungsmethode unzufrieden ist. Prinzipiell schätzt Wirth, dass die Jugendlichen heute differenzierter über Verhütung nachdenken. „Zwar haben sie mehr Zugang zu den Informationen, wissen aber dennoch nicht unbedingt mehr darüber. Letztendlich ist man auch den Verordnungen durch die Ärzte heutzutage kritischer eingestellt.“


Alternativen

Frauen können außer mit der Pille auch anders hormonell verhüten:


Hormonspirale, Verhütungsschirmchen oder der Vaginalring geben an einem Ort im Körper – lokal - Hormone ab.


Hormonpflaster, Dreimonatsspritze oder Hormonstäbchen wirken im ganzen Körper.



Die Bengel-Meinung


Linda: Make condoms great again!


Welch grandiosen Einschnitt die Einführung der Antibabypille vor knapp 60 Jahren für Frau (und Mann) doch gehabt haben muss: Endlich konnte man sich sicher fühlen beim Sex. Endlich eine zuverlässige Verhütung, die es einem ermöglicht sich zu vergnügen, ohne gleich Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft haben zu müssen. Dass es aus medizinisch Sicht einfacher ist, mit künstlichen Hormonen Einfluss auf den weiblichen Zyklus zu nehmen, ist ein wissenschaftlicher Stand, an dem sich seit Ende der 1960er-Jahre nichts geändert hat. Denn: Wenngleich die Forschung im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Ansätze unternommen hat, die "Pille" für den Mann zu entwickeln, so bleibt dies bis heute ein Unterfangen mit unbefriedigenden Lösungen. Doch das liegt nicht daran, dass sich die Wissenschaft nicht intensiv mit dem Thema befasst hat: In den USA wird zu einer hormonellen Pille für den Mann geforscht und in Australien untersucht man die Möglichkeit, mit einer Pille den Spermientransport während der Ejakulation zu verhindern. In einigen Ländern gibt es Hormonimplantate für Männer, die aber mit vielen Nebenwirkungen verbunden sind - *hust*.


Fakt ist, so sagt es auch die Frauenärztin Dr. Iris Wirth: Einen Eingriff beim Mann vorzunehmen, der mit der Wirkung der "Frauen-Pille" vergleichbar ist, gestaltet sich einfach zu schwierig. Das muss man akzeptieren und damit klar kommen, zumindest Stand heute. Und darum wird es auch vorerst wohl eine Utopie bleiben, auf eine solche "Männer-Pille" in Tablettenform zu hoffen - in Deutschland bleibt nur das Kondom. Neben der Pille oder anderen Verhütungsmitteln wird immer auch zum Kondom geraten, um sexuell übertragbare Krankheiten wie AIDS, Tripper, Syphilis etc. zu vermeiden. Hand aufs Herz: Ist es nicht auch zumeist das Kondom, das wir bei unseren ersten sexuellen Erfahrungen benutzen? Und das meist dann zum Einsatz kommt, wenn es alle anderen Alternativen ausfallen, aus welchen Umständen auch immer? Das Kondom ist zuverlässig, der Weg für den schnellen und doch sehr sicheren Sex.


Was Dr. Wirth nicht nachvollziehen konnte: Keine Krankenkasse zahlt Kondome, und das trotz teurer Anti-AIDS-Werbekampagnen. Verschreibungspflichtige Kontrazeptiva werden hingegen für Frauen bis 22 Jahre übernommen. Bei Kondomen bleibt das noch immer aus. Warum, das weiß auch Dr. Iris Wirth nicht: "Vielleicht sind Kondome nicht verordnungsfähig." Ein Unding - vor allem dann, wenn frau keine hormonellen Verhütungsmethoden verträgt.


Nun müssen wir mit dem arbeiten, was Sache ist: Frauen sind diejenigen, die schwanger werden und das Kind austragen, daran gibt es aus biologischer Sicht nichts zu rütteln. Der Schrei von Frauen nach einer gleichberechtigten Verhütung wird darum auch immer lauter - zurecht. Denn wer gemeinsam Spaß hat, muss sich auch zusammen Gedanken um die - Achtung, Wortwitz - potenziellen Folgen machen. Frauen sind für die Anwendung der hormonellen Verhütungsmethoden zuständig, wenn sie sich dafür entscheiden. Weil sich Männer (noch nicht) hormonell schützen können, bleibt da nur eins: Wer mit der Pille verhütet, muss seinen männlichen Partner in die Pflicht nehmen, sich damit auseinanderzusetzen. Heißt: Bei der Beratung dabei sein, und vielleicht sogar die Kosten der Pille mittragen. Das sei schon bei vielen der Fall, sagt Iris Wirth - ein Drittel aller Frauen erscheinen zu ihren Beratungen mit dem Partner, die sich auch an den Pillen-Kosten beteiligen.


Liebe Jungs: Nehmt es ernst, wenn eure Freundin mit euch über ihr Verhütungmittel sprechen will. Wer keine Lust darauf hat oder fürchtet, dass das Gespräch unangenehm wird, sollte sich unbedingt vor Augen führen, was manche Frauen auf sich nehmen, damit ihr nicht gleich Eltern werdet – die Nebenwirkungen von Pille und Co. für Frauen zähle ich an dieser Stelle lieber nicht auf. Daher: Zeigt euch offen und gesprächsbereit und stellt auch Fragen. Oder noch besser: Geht mit zur Beratung.


Paul: Verhütung? Seid offen zueinander.


Tut euch einen Gefallen, und sprecht mit eurem Partner über das Thema Verhütung. Und am besten dann, wenn ihr noch ganz frisch zusammen seid. Denn je früher das auf dem Nachttisch kommt, desto besser.

Sprecht darüber, wie ihr bisher verhütet habt. Welche guten und schlechten Erfahrungen habt ihr gemacht? Womit habt ihr euch wohl gefühlt?

Punkt Nummer zwei: Sprecht miteinander, was passieren würde, falls ihr tatsächlich schwanger werden solltet. Am Anfang einer Beziehung ist das natürlich eine heikle Frage, aber seid ehrlich zueinander. Das hat zwei Vorteile – erstens: Ihr klärt eine grundsätzliche Frage und verhindert möglicherweise, dass ihr euch später bei diesem Thema in die Haare kriegt. Denn wenn für den einen klar ist, dass Kinder so gar nicht in die Lebensplanung passt, der andere aber schon sämtliche Vor- und Zweitnamen für den heiß ersehnten Nachwuchs festgelegt hat, wisst ihr, auf welches Fundament ihr eure Beziehung baut. Und ob ihr beide grundsätzlich das gleiche wollt.

Und zweitens: Bei einer größeren Meinungsverschiedenheit, wenn Partner A schon bereit für Kinder ist, Partner B aber erst mal noch ein paar Punkte auf der Bucket List abarbeiten will, kommt nur eine safe Verhütung infrage.

Und auch wenn es eine sichere Verhütung sein muss: Männer, ihr solltet es nicht als Selbstverständnis betrachten, dass die Frau mit der Pille verhütet. Jede Frau verträgt die Hormonbehandlung anders. Gerade die möglichen Nebenwirkungen können euch das Liebesleben schwer machen. Deshalb: Fragt eure Partnerinnen, wie sie zur Pille steht, wie es ihr damit geht und ob sie überhaupt schon Erfahrungen gemacht hat. Denn nichts ist ein größerer Liebeskiller als die Lustlosigkeit, die eine der häufigsten Nebenwirkungen der Pille ist.


Das Kondom gehört eigentlich am Anfang einer Beziehung dazu – Pille, Spirale und so weiter hin oder her. Safer Sex soll euch nicht nur vor ungewollten Schwangerschaften schützen, sondern auch vor Geschlechtskrankheiten oder Infektionen, die beim Sex übertragen werden. Geht zusammen zu einem Frauenarzt oder Urologen, lasst einen Abstrich machen und euch gemeinsam testen. So wisst ihr, dass ihr euren Liebsten keine Krankheiten aus früheren Beziehungen überträgt, die bei euch nicht zwingend ausgebrochen sein müssen, und seid so auf der wirklich sicheren Seite.

Auch wenn es am Anfang etwas Überwindung kostet, wenn das Schamgefühl noch groß ist. Unsere Generation ist aufgeklärt genug, solche Gespräche aushalten zu können.


Wie denkt ihr? Wir sind gespannt auf eure Meinungen an bengel@diesbachmedien.de



Ganz wichtig: Der Artikel ersetzt keine Beratung beim Gynäkologen. Auch die Meinung der beiden "Bengel"-Schreiber sind als subjektive Analyse des Themas zu verstehen.


Wenn ihr habt Fragen zur Einnahme eurer Pille, über Beschwerden oder Nebenwirkungserscheinungen klagt und eine fachliche Beratung wünscht, dann wendet euch an euren Frauenarzt oder eure Frauenärztin oder an eine Pro Familia-Beratungsstelle, zum Beispiel in Heidelberg in der Hauptstraße 79, Telefon: 06221/184440. Sie sind die richtigen Ansprechpartner für wichtige Fragen rund um die Antibabypille. Sie klären euch über zum Beispiel über die Vor- und Nachteile und die richtige Einnahme auf, und beraten euch dabei, die richtige Pille für euch zu finden.

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